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Es sind Silhouetten, Kuerzel, Chiffren, Schablonen, Stellvertreter, die da, ausgeschnitten aus Plastikfolie oder Filz auf vielschichtig grundierten Leinwaenden leben. Androgyne Gestalten, die, als wuerden Visionen von Gewalt und Terror sie laehmen, mit angezogenen Knien auf dem Boden hocken, die, wie Rodin’s Denker auf einem Schemel sitzen und sich doch schon in die Schwerelosigkeit einer transgredienten Existenz geschwungen haben, die im Kontrapost verharren oder in Reih und Glied stramm stehen, und die mit erhobenen Faeusten kraftvoll über die Bildflaeche laufen, als simpler Akt der Befreiung. Wie Aggregatzustaende unserer Existenz fuehren diese geheimnisvollen Doppelgaenger uns vor Augen, wie Emotion durch Bewegung Ausdruck erhaelt.
Der Grossteil der scherenschnittartigen Gestalten befindet sich im Zwiegespraech mit seiner direkten Umkehrung. Positiv- und Negativform stehen sich gegenueber. Der Austausch findet wortlos statt. Der Dialog funktioniert. Nicht nur zwischen den Protagonisten, sondern auch zwischen ihnen und dem Betrachter. Die Identifikation mit den gesichtslosen, anonymen Figuren hat bereits stattgefunden. Der Betrachter ist schon in ihre Huellen geschluepft und kauert, haelt inne und laeuft los – mitten hinein in seine Realitaet und deren Herausforderungen. Mit Vehemenz bringt Marie Anne Jakob ihre Ideen auf die Leinwand. Ihre Bildcollagen sind ideale Projektionsflaechen für Lebensgefuehle und koerperliche Zustaende. Sie verweisen, in dem sie die Interaktion zwischen Koerperposen und Gemuetszustaenden deutlich machen, den Betrachter auf sich selbst zurueck.
Die Raeume, in denen sich die Gestalten bewegen und Zwiegespraeche halten, sind unruhige Farbfelder, deren verschiedene Farbschichten mit Pinsel und Spachtel, aber auch immer wieder von der Kuenstlerin direkt mit der Hand auf die Leinwand aufgetragen werden. Dieses ganz taktile Eingreifen in den Malprozess ist charakteristisch für ihre Arbeiten. Ohne diesen Akt haetten die Werke zweifellos nicht dieselbe Aura.
Der zwischen 1995 und 1998 entstandene „Zyklus 5, Figuren“ umfasst derzeit 15 Tafeln in Oel auf Leinwand. Die darin stets praesenten Figuren sind teilweise gemalt, meist aber als Silhouetten aus Plastik oder Filz direkt auf den Bildträger montiert – was das Moment ihrer Reproduzierbarkeit unterstreicht. Parallel zu den Oelbildern, entstehen meist auch Zeichnungen, Gouachen und Aquarelle, so dass der „Zyklus5, Figuren“ insgesamt etwa 100 Werke umfasst. Ein Hinweis darauf, mit welcher Intensitaet sich die Kuenstlerin diesem Thema gewidmet hat. Betrachtet man den Figurenzyklus in seiner Gesamtheit, so faellt auf, dass Marie Anne Jakobs Pinselstriche etwas zeichnerisches, spontanes an sich haben, so dass, sieht man einmal von der Groesse ab, keine praegnanten Unterschiede zwischen den Arbeiten auf Papier und Leinwand auszumachen sind. Auch Marie Anne Jakob stellt im Uebrigen ihr zeichnerisches Werk ganz gleichberechtigt neben ihr malerisches.
Das im Zyklus 5, Figuren immer wieder variierte Figurenmotiv wird in den folgenden Arbeiten durch die Einfuehrung von Symbolen und Hinweisen auf imaginaere Raeume erweitert. Den Anfang markierte die 1997/98 für die Ausstellung „Mehrzellig“ um Kunsthaus, Hamburg entstandene Installation „Archiv der Evolution“. Der Besucher wurde, in einer 4 x 2 m grossen Zelle mit seinem Doppelgaenger und einer Mappe mit Texten zur Evolution konfrontiert: Es gelang der Kuenstlerin so, die Idee der Zelle als Lebensraum und die der Zelle als Ursprung Allen Lebens gleichermassen zu veranschaulichen. In den ganz neuen Arbeiten, die in der Ausstellung „Shift“ ab 18. Mai im Westwerk, Hamburg zu sehen sind, ist die menschliche Figur visuell nicht mehr praesent. Der Mensch steht aber dennoch wieder im Mittelpunkt. Thema sind jetzt seine Lebensbedingungen: Die von der Natur vorgegebenen und die von ihm selbst erschaffenen. In diesem Zusammenhang geht es auch um die veraenderte Wahrnehmung von Zeit, Raum und Realitaet – um Bewegung und Orientierung. Der Figurenzyklus bildet damit die vitale Grundlage für alle bisher anschliessenden Werksgruppen, inklusive „shift“: Umschalten, Umdenken, Verschieben, Veraendern, Positionswechsel.
Jutta Martens
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